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Im Interview: Schiedsrichter Christian Schößling

Seit 1997 steht Christian Schößling als Schiedsrichter in der Zweiten Bundesliga auf dem Platz. Die Partie zwischen dem MSV Duisburg und dem FSV Frankfurt am 3. Dezember 2010 war sein 100. Zweitligaspiel – und eines der letzten. Im Sommer will der Leipziger seine Karriere beenden, um sich noch mehr seiner Familie und seinem Beruf als Anwalt zu widmen. SPORTIVE LE sprach mit dem 37-Jährigen.

Frage: Sie sind erst 37 Jahre alt. Warum wollen Sie Ihre Schiedsrichter-Karriere dennoch schon im Sommer 2011 beenden?

Christian Schößling: „Der Aufwand ist für mich einfach zeitlich einfach nicht mehr zu stemmen. Ich  habe die Schiedsrichterei immer als Hobby betrieben, der Beruf ging immer vor. Ich arbeite 60 bis 70 Stunden als Anwalt, dazu kommt der Fußball. Dabei ist in den letzten Jahren auch mein Privatleben deutlich zu kurz gekommen.“

Welches waren aus Ihrer Sicht die Höhepunkte der Karriere?

„Das waren sicher die beiden Länderspiele Ungarn gegen England und Rumänien gegen Irland, die ich als Assistent von Schiedsrichter Lutz-Michael Fröhlich absolvieren durfte. Auch die Bundesliga-Spiele als Assistent und Vierter Offizieller waren toll. Wenn man vor 80.000 Zuschauern in Dortmund an der Seitenlinie steht, ist das schon etwas ganz Besonderes.“

Vor einigen Jahren waren Sie auf dem Sprung zum Erstliga-Schiedsrichter. Warum hat es nicht gereicht?

„Vor sechs Jahren hatte ich vom DFB exzellente Bewertungen, da war ich tatsächlich auf dem besten Weg zum Bundesliga-Schiedsrichter. Leider hat die Schiedsrichter-Kommission damals nach dem entscheidenden Spiel gegen mich entschieden. Nach diesem Spiel, einer A-Jugend-Begegnung in Freiburg, attestierten sie mir, kein Bundesliga-Niveau zu haben. Damit musste ich letztlich leben!“

Dennoch stehen in Ihrer Vita nun mehr als 100 Zweitligaspiele als Schiedsrichter und zahlreiche Bundesliga- und Pokalspiele als Assistent und Vierter Offizieller. Sind Sie stolz auf diese Schiedsrichter-Karriere?

„Auf jeden Fall! Es waren tolle Jahre. Ich stehe immerhin seit 16 Jahren auf der Liste des DFB und pfeife seit elf Jahren in der Zweiten Bundesliga. Darauf bin ich sehr stolz.“

Ein Blick auf Ihre Statistik zeigt, dass Sie in Ihren Spielen bislang viele Gelbe und Rote Karten zeigen mussten. Sind Sie ein strenger Schiedsrichter?

„Ich gehöre zu den strengeren Schiedsrichtern! Ich bin außerdem ein Freund klarer Spielstrukturen, die Karten sind ein Mittel zur Spielsteuerung. In der Zweiten Bundesliga wird ein sehr intensiver Fußball mit vielen erlaubten und unerlaubten Zweikämpfen gespielt, da bleiben Karten nicht aus. Wenn es in die Beine geht, ist es wichtig, schnell für die Gesundheit der Spieler zu sorgen. Da bin ich kompromisslos.“

Vielen Schiedsrichtern wird vorgeworfen, zu selten zu Ihren Fehlern zu stehen. Wie gehen Sie mit Fehlern um?

„Ich habe kein Problem, Fehler einzuräumen. Schließlich sind Fehler menschlich, kein Mensch ist fehlerfrei. Wichtig ist aber, dass man auch bereit ist, diese Fehler akribisch aufzuarbeiten. Man sollte den gleichen Fehler auf keinen Fall zweimal machen. Dann bekommt man als Schiedsrichter Probleme. Ich denke, dass mir das in den letzten Jahren gut gelungen ist.“

Wie stehen Sie zu den oft diskutierten technischen Hilfsmitteln wie Chip im Ball?

„Ich habe nichts gegen technische Hilfsmittel, aber sie müssen zweifelsfrei funktionieren. Außerdem muss man aufpassen: je mehr Hilfsmittel eingesetzt werden, umso mehr wird die Autorität des Schiedsrichters untergraben. Außerdem wird die Dynamik des Spiels gebremst! Ein echtes Hilfsmittel ist zum Beispiel das Headset, mit denen der Schiedsrichter und die Assistenten in Verbindung stehen. Das wird seit dieser Saison auch in der Zweiten Bundesliga eingesetzt.“

Bereits mit 14 Jahren haben Sie als Schiedsrichter angefangen. Warum haben Sie bereits in jungen Jahren zur Pfeife gegriffen?

„Ich habe in der Jugend Fußball gespielt, das ging dann mit 14 Jahren nicht mehr, weil ich Wirbelsäulenprobleme hatte. Da ich dem Fußball treu bleiben wollte, habe ich als Schiedsrichter angefangen. Das hat mir von Anfang an richtig Spaß gemacht.“

Text/Foto: Andreas Wendt

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