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Parkour erobert die Messestadt

Wenn Alex Lorenz im Zentrum von Leipzig mit seinem Auto durch die Straßen fährt und die Stadt sieht, dann erkennt er darin er keine Häuser, keine Parks und keine architektonischen Meisterleistungen, die die City zweifelsohne zu bieten hat. Für Alex gleicht das gesamte Leipziger Areal einem großen Abenteuerspielplatz auf dem er sich gerne austobt. Alles (wirklich alles) wird für ihn zum Hindernis. Und der Philosophie des Sports zufolge, den Alex betreibt, gibt es nur eine Regel: Finde den schnellsten und elegantesten Weg zwischen zwei selbst gewählten Punkten. Jede Höhe einer Wand schätzt Alex blitzschnell ab, jedes Geländer vermisst er gedanklich nahezu zentimetergenau, jeder Abstand zwischen zwei Dächern wandelt er in Fuß um. Ab 10 Fuß aus dem Stand und ab 18 Fuß aus dem Anlauf wird es für ihn interessant. Denn „das habe ich bisher noch nicht geschafft“, so der 22-Jährige. Jede Entfernung wird in Fuß gemessen, weil man seine Füße immer dabei hat und somit gut überprüfen kann ob man einen weiten Sprung beherrscht, oder ob es zu weit ist. Wobei ein fuß ca. 30 cm beträgt.

 Alex Lorenz ist Traceur. Einer, der sich wörtlich „den Weg ebnet“. Seine Leidenschaft, sein Sport: Parkour, eine Kunst und zugleich momentan im Trend stehende Sportart aus Frankreich. Den Ursprung hat die etwas ungewöhnliche Art der Fortbewegung bei Raymond Belle, ehemals französischer Soldat. Er entwickelte in seiner Militärzeit in Indochina eine Methode, um möglichst schnell durch unwegsames Gelände zu gelangen. Seinem Sohn David brachte er diese Kunst bei, der sie schließlich Anfang der Achtziger aus den Wäldern auf die Straßen der Pariser Banlieues (Vororte) übertrug. David Belle, mittlerweile 33, gilt heute als Großmeister der Szene. Auch für Alex ist er ein großes Vorbild.

Parkour besteht aus etwa einem Dutzend Grundbewegungen. Wettbewerbe gibt es nicht. Auch keine vorgeschriebene Musikrichtung oder Kleidungsstil. Und das ist es, was Alex imponiert. „Es zählt nicht, wer man ist und was man trägt. Es zählt nicht, wie spektakulär man ein Hindernis, überwindet, sondern dass man es überwindet“, erklärt der 1,72m größe Sportstudent. Bei ihm sieht jede Bewegung spektakulär aus.

Für Alex ist Parkour eine Art von Freiheit. „Keiner sagt mir, da kannst du nicht lang. Man geht seinen eigenen Weg, egal was dazwischen kommt. Es kommt auf Kontrolle und Präzision, auf Selbsteinschätzung und Selbstvertrauen an. Wenn man sich im Parkour bewegt dann ist man im Kopf frei, man hat nicht die alltäglichen Probleme im Kopf, weil man sich auf seinen Weg, seine Techniken und die ganze Umwelt konzentrieren muss, um keine Fehler zu machen und irgendwo herunterzufallen.“, erklärt Alex. „Genauso wenig wollen wir mit Parkour irgendjemandem stören oder ärgern“, fügt er hinzu, „wir machen nichts kaputt, wir beschmieren nichts, sind keine Einbrecher und haben keine bösen Absichten. Wir trainieren nur unseren Sport auf unserem Wege, des Sportes Willen eben. Obwohl der Sport seit mehr als 20 Jahren existiert, hat er erst in den letzten zwei Jahren enorm an Bekanntheit gewonnen. Über das Internet verabredet man sich, neue Sprünge einzustudieren, tauscht Videomaterial aus. 2006 gründete Alex den Twio X e.V. in dem die 5 Profisportler, die Traceure Marc, Tilo, Andreas und Stefan mit Alex zusammen als Twio X Parkour Team Leipzig trainieren. Gemeinsam sind sie das Leipziger Aushängeschild des Sports. Sie springen von Dach zu Dach, klettern über Mauern, balancieren auf Geländern. Alex reist durch ganz Deutschland, nach Mailand oder Linz. Kürzlich war er in Wien, um mit den ganz Großen der Szene zu trainieren.

 Auch Alex, der den Sport erst seit rund zwei Jahren betreibt, ist ein ganz Großer. Dass er so schnell gut geworden ist, verdankt er seinem Ehrgeiz und seinem bisherigen Engagement für Sport, welches sich unter anderem in täglichem Training wiederspiegelt. Seit 12 Jahren betreibt er Taekwondo. Er trägt den Schwarzen Gürtel, zweiter Dan. Um seinen Körper präziser und koordinativ zu schulen, trainiert er mehrmals wöchentlich das sogenannte Tricking. Spektakuläre akrobatische Kombinationen sind für Alex ein leichtes. Aus dem Stand springt er einen Rückwärtssalto mit 360-Grad-Drehung um die Körperlängsachse. Backflip-Fulltwist nennt sich die Übung unter den Szenisten. Dieses Training ist eine wichtige Ergänzung für Parkour um sich bei eventuellen Stürzen besser abfangen zu können.

Heute will Alex einen besonders schwierigen Sprung einüben: einen „saut de detente“ über eine Entfernung von 14 Fuß. Das kommt aus dem französischen und bedeutet Distanzsprung. (Französisch ist die Sprache des Sports) Dafür übt er vorerst am Boden. Kein Risiko eingehen ist seine Devise. Angst hat er selten, Respekt dafür immer: „Man muss sich und die Weiten die man springen will einschätzen können. Auch wenn man sicher ist: ich kann es, bleibt immer ein gewisses Herzklopfen“. Gute Traceure wägen das Risiko immer ab. Mehr als leichte Kratzer hat Alex bisher nicht davongetragen. Anfänger trainieren immer am Boden. Nur Profis wagen sich in schwindelerregende Höhen.

Heute läuft es gut. Alex ist im „Flow“, wie Traceure es bezeichnen. Sein Ziel: Einen Armsprung (saut de bras) aus dem Stand über eine Schlucht über 13 Fuß Distanz, das sind ungefähr 4 Meter. Er steht auf der Mauer auf der er abspringt. Die andere Mauer ist auf gleicher Höhe und 3,60m entfernt. Er muss so springen, dass er sich mit den Händen an der gegenüberliegenden Mauer festhalten kann und nicht herunterfällt. Er geht in die Knie, holt mit den Armen Schwung und katapultiert sich schräg nach oben in Richtung gegenüberliegende Mauer. Im Flug zieht er die Beine nach vorn kommt an der Mauer an, bremst seine Geschwindigkeit mit den Füßen ab und hält sich im letzten Moment mit den Händen an der Mauer fest. Danach zieht er sich ohne große Mühe aus dem Hang auf die Mauer. Geschafft!

 Parkour ist „in“! Der neue James Bond Streifen (Casino Royal) oder Musikclips von Madonna schmücken sich mit dem Können der Stadtakrobaten. Marken wie Nike oder Casio werben mit ihnen. Auch Alex trat schon auf Shows für BMW, Mercedes, Audi, Mini, Nokia und einige andere auf. Was hat er noch für Ziele?
„ Ich will mal einen Sprung in der Waldstrasse machen. Es ist ein sehr weiter Sprung über 19 Fuß und ca. 3,50m Höhenunterschied. Daß dieser Sprung vom Dach des 4. Stockes ausgeht erschwert die mentale Seite ungemein. Aber es ist definitiv machbar“ sagt Alex.

Wer sich selbst einmal als Traceur probieren will, der kann sich jederzeit bei Twio X melden. Die benötigte Ausrüstung ist denkbar einfach: Mut, den Wunsch nach Freiheit und rutschfeste Turnschuhe. „Auf jeden Fall sollte der erste Selbstversuch mit professioneller Hilfe geschehen“, sagt Alex. Mit zwei, drei kraftvollen Schritten nimmt er dann Anlauf für seinen nächsten Sprung zum Boden, bei dem er ca. 3 Meter Höhe überwinden muss.
weitere Infos unter www.twio-x.de

text: daniel kaiser

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